Klassik
Konzerthaus: Mut zum Risiko zahlt sich aus
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Martina Helmig,
Berliner
Morgenpost, 12.6.2004
Heikel und gewagt, dieser Abend. Da gibt es völlig unbekannte Werke
von einer
Komponistin. Auch die Konzertform ist absolut unorthodox. Und doch strömt
das
angeblich so konventionelle Publikum, das immer nur Mozart und Beethoven
hören
will, ins Konzerthaus. Aha: Intelligente Konzepte setzen sich durch, sie
dürfen
ruhig etwas gewagter sein.
Die Dirigentin Kerstin Behnke setzt kurze Werke
von
Lili Boulanger als Intarsien in Gabriel Faurés Requiem ein. Sie
stehen an
liturgisch sinnvollen Stellen vor und nach dem Einzug in die Kirche, nach
der
Totenmesse und vor der Grablegung. Erstaunlich stimmig wirken die ineinander
verschachtelten Kompositionen zusammen. Die Komponisten waren miteinander
befreundet, sie sprechen eine verwandte musikalische Sprache.
Beiden standen
die
Themen Tod und Vergänglichkeit nahe. Fauré hat sein Requiem
nicht wie sonstü
blich als Auftragswerk geschrieben, sondern aus eigenem Antrieb. Lili Boulanger
wusste seit frühester Kindheit, dass sie wegen ihres Lungenleidens
nur ein
kurzes Leben zu erwarten hatte. In ihren Werken haben die Franzosen nicht
die
Schrecken des Todes ausgemalt, sondern Trost gesucht.
Lili Boulanger ist
mit 24 Jahren gestorben. Bis dahin hatte die erste Frau, die
den begehrten Rompreis gewann, schon eine beachtliche Karriere gemacht.
Nach
ihrem Tod haben sich die New Yorker Philharmoniker, Yehudi Menuhin und
Igor
Markewitsch für sie eingesetzt. |
Auf deutschen Spielplänen
sind ihre Werke
trotzdem Raritäten. Gabriel Faurés Requiem zählt
dagegen zu den Standardwerken.
Auch hier gehen Kerstin Behnke, ihre glänzend einstudierte
Berliner Capella und
das Berliner Sinfonie-Orchester ein Risiko ein. Wie können
sich die Raritäten
neben dem Meisterwerk behaupten?
Beide Komponisten vertiefen sich
mit
farbenprächtigen, fantasievollen Instrumentierungen in
romantisch-impressionistische Klangwelten. Die beiden Vertonungen
des „Pie Jesu“ zeigen aber schon gravierende
Unterwchiede: Neben Faurés
lieblicher,
konzilianter Komposition steckt Boulangers Werk voll gespannter
Expressivität.
Die Komponistin hat es ihrer Schwester auf dem Totenbett diktiert.
Ihre
Tonsprache bewegte sich früh über die Grenzen der Tonalität
hinaus. Und doch
verlieren auch die gewagten dissonanten und chromatischen Wendungen
bei ihr nie
an Charme und Verbindlichkeit. Das gilt auch für die erstmals
gespielte
Rekonstruktion der Orchesterfassung der expressiven „Hymne
au Soleil“ von dem
Hamburger Komponisten Oliver Korte und die europäische Erstaufführung
des
lyrischen „Soir sur la Plaine“. Lili Boulanger hatte
an diesem Abend im
Konzerthaus keinerlei Schwierigkeiten, neben Gabriel Fauré zu
bestehen. Das
Publikum schloß die Solisten Sebastian Noack, Brigitte Schweizer
und Libussa von
Jena in den herzlichen Schlussapplaus ein. |
Joseph Haydns
Schöpfung klassisch klar
Verheißungsvolles Oratorium-Debüt des neuen Kantors/Thüringer
Symphoniker dabei
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von Joachim Devrient,
Ostthüringer Zeitung,
1.7.2003
Die Erschaffung der Welt, im biblischen Verständnis häufig
Thema in der
bildenden Kunst, kennt in der Musik „nur“ ein einsames
Gipfelwerk: Haydns
Oratorium „Die Schöpfung“.
Swietens eigenwillige Nachdichtung
der biblischen
Vorlage ersparte Haydn und uns den folgenschweren Sündenfall und
beließ glückliche Menschen im Paradies (gar keine
schlechte Idee!) Dafür
lässt er im
Schlussteil die Verpflichtung zum Erhalt der Schöpfung durchschimmern.
Wie
anders wir das heute hören angesichts unseres schuldhaften Verhaltens:
Das 200
Jahre alte Werk ist im Bibeljahr 2003 jung geblieben. Besonders seine
Musik, „
hoch geschrieben, und doch verständlich dabei“ (Haydn).
Bei der denkwürdigen
Aufführung am vergangenen Samstagabend in der Johanneskirche konnte
der neue
Kantor die chorische Vorarbeit seiner Vorgänger nutzen. Dietrich
Modersohn hatte
neben dem Oratorienchor ein stimmlich äußerst homogenes
Solistenterzett zur
Seite und mit den Thüringer Symphonikern endlich wieder einen
kreiseigenen leistungsfähigen Klangkörper berufen.
Dirigentisch gekonnte Führung
Schon in der berührenden Einleitung zeigte sich,
wie dirigentisch gekonnt
Modersohn das Orchester zu führen verstand. Das ließ den
Atem stocken, wie er
aus einer Urstille heraus feinste, vibratolose Kläünge zauberte
und dissonante
Gegensätze entwickelte, die seinerzeit Chaos suggerierten.
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Nach dem spannungsreichen
Chorbeginn entfaltete sich die ungemein fantasiereiche Belebung der
Natur. Sehr differenziert wurden die Urgewalten wie Gewitter und
Sturm vorgeführt. Ein gesanglicher Höhepunkt war die Sopranarie „Nun
beut die Flur“. Libussa von Jena setzte die ganze Leuchtkraft
ihrer tragfähigen Stimme ein, um die melodische Anmut der Musik
erstrahlen zu lassen.
Großartig vom Orchester als Crescendo
gestaltet und von Edward Randall mit deutlicher Deklamation gesungen
dann das Aufsteigen von Sonne und Mond aus der Stille. Auch der Chor „Die
Himmel erzählen“ war nicht plakative Power,sondern feinfühlig
aufgebautes Gotteslob. Andreas Jäpel führte mit lyrisch-sonorer
Baritonstimme das tierische Erwachen vor, vom Brüllen das Löwen
bis zur Idylle der Viehwiese. Mit wohligem Schmunzeln hört man
dies, auch das Erscheinen des Mannes, des „weisen Königs
der Natur“ und des züchtigen Weibes, das „für
ihn in froher Unschuld lächelt“.
Paradiesischer Wohlklang
Der Schlussteil ergeht sich in wahrhaft paradiesischem Wohlklang. Modersohn
wahrte die klassische Balance zwischen endlosem Glücksrausch von
Adam und Eva
und klangprächtiger Verkündigung. Den gewichtigen Schlusschor
führte er wieder
sehr differenziert, macht damit auch klangliche Entwicklungsnotwendigkeiten
des
Oratorien-chores hörbar. Langer Schlussapplaus für ein froh
stimmendes
Musikerlebnis. |
Bravouröse
Vokalsolisten
Kirche am
Roland: Konzentrierte Leistung von Kantorei und Orchestermitgliedern
Stehend
dargebrachte Ovationen und lang anhaltender Applaus für Martin
Baldenius und die Wedeler Kantorei während der "Schöpfung".
Von Kai Raudzus
Wedel. Martin
Baldenius und seine Wedeler Kantorei haben die entscheidende Hürde genommen: Nach der mehr als zweistündigen Aufführung
der "Schöpfung" von Joseph Haydn in der Kirche am
Roland dürfte jedem der mehr als 300 Konzertgäste klar
geworden sein, dass der Kantor und seine Sänger dazu in der
Lage sind, auch die größten Oratorienwerke mit Bravour
aufzuführen. Für Ihre Darbietung erhielten die Künstler
stehend dargebrachte Ovationen.
Eigentlich hätte Baldenius noch deutlich mehr Karten verkaufen
können, als Sitzplätze in dem Gotteshaus vorhanden sind:
"Ich werde mich dafür einsetzen, dass diese Kirche demnächst
ausgebaut wird", scherzte der Kantor bei seinen einleitenden
Worten. Mit dem "Chaos" nahm die "Schöpfung"
ihren Lauf, denn zu Beginn des Werkes stellt Haydn musikalisch die
vorzeitliche Welt dar. Das Projektorchester meisterte den Einstieg
sehr konzentriert und zeigte durchgehend bis zum Ende eine sehr
feine dynamische Arbeit. Holz, Blech und Pauke konnten immer wieder
entscheidende Akzente setzen. Die Streicher präsentierten sich
überwiegend sehr gewandt und mit großem Einfühlungsvermögen,
wenn es auch im ersten Teil und noch zu Beginn des zweiten Teils
unter den Violinen vereinzelt
zu Abstimmungsproblemen kam.
Sicherheit
bei den auftretenden Chören
Kirchenchor
und Junge Kantorei, die gemeinsam als Chor auftraten, boten
eine
detailreiche und sichere Leistung. Die Einsätze gelangen konzentriert,
dazu unterstrich eine am Inhalt des Werkes orientierte Dynamik und
Lautbildung stets die Emotionen, die jeweils im Text mitschwangen.
Eindrucksvoll in ihrem Nachdruck interpretierten die Sänger
die aufbrausenden Choreinsätze wie zum Beispiel den Schlusschor
"Singet dem Herren alle Stimmen".
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Die drei Vokalsolisten
Libussa von Jena (Sopran), Andreas Michalzik (Tenor) und Christfried
Biebrach (Bass) boten ausnahmslos und zu jeder Zeit eine bravouröse
Leistung. Gleich bei ihrem ersten Auftritt im Solo "Mit Staunen
sieht das Wunderwerk" stellte von Jena ihre enorme Stimmsicherheit,
auch und gerade in hohen Lagen, eindrucksvoll unter Beweis.
Immer wieder meisterte sie anspruchsvolle Passagen brillant und
präsentierte sich darüber hinaus in der Arie "Auf
starkem Fittiche schwinget" dynamisch, vielseitig und einfühlsam.
Zum Höhepunkt gerieten die Duette mit Biebrach in den Rollen
von Eva und Adam, als die beiden Sänger in ihre Interpretation
stimmlich und mimisch wahre Zuneigung hineinlegten. Biebrach faszinierte
von Anbeginn mit seinem weichen Timbre, seiner volumenreichen
Stimme und seinem angenehmen Tremolo. Bereits in der Arie "Rollend
in schäumenden Wellen" stellte er die Bandbreite seiner
Variationsmöglichkeiten eindrucksvoll unter Beweis und harmonierte
gelungen mit dem Orchester in dem Rezitativ "Gleich öffnet
sich der Erde Schoß", als er passend zu den musikalischen
Variationen einzelner Tierarten intonierte. Michalzik bestach
durch die Kraft, die er stets in seine Stimme hineinlegte, obgleich
er unter anderem im Rezitativ "In vollem Glanze steiget jetzt"
auch die Spielarten seines Piano-Registers zeigte. Mit immer mehr
Gefühl fand sich Michalzik in seine Rolle ein, eine Entwicklung,
die schließlich in der nahegehenden Interpretation des Rezitativs
"Aus Rosenwolken bricht" gipfelte.
Baldenius' kleine Gesten sofort umgesetzt
Es waren oftmals
nur kleinere, zurückhaltende Gesten, mit denen Baldenius
vom Dirigentenpult aus seine Musiker anleitete, und doch fand
jeder Fingerzeig auch seine sofortige Umsetzung - eine beispiellose
Zusammenarbeit. So ergab sich ein Gesamtbild, an dessen eindrucksvoller
und geschlossener Wirkung auch die kleinste Unstimmigkeit nicht
zu rütteln vermochte. Die Zuhörer bedachten die Musiker
mit lang anhaltendem Applaus und mit stehend dargebrachten Ovationen
von fast der Hälfte der Konzertbesucher. Dennoch verzichtete
Baldenius auf eine Zugabe: Ich gehöre zu den Musikern, die
so was lieber im Raume stehen lassen." Für diese Feststellung
gab es nochmals kräftigen Beifall.
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Kritik
von "Orpheus und Eurydike"
Theater "Remise" Bern am 09.09.1995
Bund 13.09.1995
(Aufführung als Co-Produktion des Conservatoire de Lausanne und
der Pantomimentruppe "Mime Bern")
Remise /
Opernbühne
Musiktheater
drr. Wollen junge Sängerinnen und Sänger sich nach Abschluss
ihres Gesangsstudiums auf der Opernbühne profilieren, werden
sie nicht nur feststellen, dass die Konkurrenz enorm ist, sondern
dass das Musiktheater sie mit einer Reihe von ungünstigen Gegebenheiten
konfrontiert. So ist die Akustik im Opernhaus meist weit weniger schmeichelhaft
als im Konzertsaal, verlangen Regisseure oft Eigentümliches,
auferlegen nicht zuletzt Kostüme und Bühnenbilder dem Spiel
Grenzen.
Der
Versuch der Lausanner Gesangspädagogin Katharina Begert, ihre Gesangstudenten
mit einer Inszenierung von Glucks Oper "Orpheus und Eurydike"
an die Realität des Opernbetriebes heranzuführen, kann
deshalb nicht genug gelobt werden. Freilich waren auch im Theater
Remise die äußerlichen Gegebenheiten alles andere als
ideal, bereiteten die trockene Akustik und die engen Raumverhältnisse
den Ausführenden Probleme.
Vor
allem Libussa von Jena bewies aber als Eurydike, dass sie
den Anforderungen
des Musiktheaters nach ihrem Studienabschluss durchaus gewachsen
sein dürfte. Mit reinen intonationssicherem und technisch gut
geführten lyrischem Sopran stellte sie eine berührende,
gleichzeitig aber auch selbstbewusste Eurydike dar und kam dabei
lobenswerterweise weitgehend ohne emphatische Operngestik aus. Annette-Suzanne
Lange lieh dem Orpheus ihre natürliche Ausstrahlung,
stimmlich stieß sie aber mit dieser heiklen und keineswegs
zu unterschätzenden Altpartie doch (noch) an Grenzen. Vor allem
in der Höhe singt sie oft mit zu viel Druck, so dass die Stimme
zu eng klingt: als Folge ist die Intonation ab und zu gefährdet.
Die samtene, sehr klangschöne Tiefe und das beachtliche Volumen
ihres Alts stellen dennoch ein Versprechen für die Zukunft
dar. Als Amor ergänzte Anne Kathrin Tonscheidt das Solistentrio
mit hellsilbernem, leichtem Sopran und bezauberndem Ausdruck. Vorzüglich
sang der aus Studierenden des Lausanner Konservatoriums zusammengesetzte
Chor. Ferran Gili-Millera zeigte als musikalischer Leiter durch
eine ausgewogene Wahl der Tempi Reife. Janine Gaudibert begleitete
am Klavier zuverlässig und einfühlsam. Schade nur, dass
die Inszenierung Katarina Begerts zu sehr opernhafter Konvention
verhaftet blieb, dass auch die Choreographie Ernst-Georg Böttgers
und die pantomimischen Beiträge seiner Mime Bern sehr viel
Pathos aufwiesen.
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Aus Tagesspiegel: über das Abschlusskonzert des "Fischer-Dieskau-Meisterkurses
(19.02.1995)
Im Kammermusiksaal der Philharmonie
Alte
Griechen?
Schubert-Liedermatinee in der Philharmonie
Wie
fern ist uns die Antike? In der Vermittlung Schuberts und dessen
Statthalter
auf Erden, Dietrich Fischer-Dieskau, weniger weit, als man denken
könnte. Dies konnte man einer Matinee der Interpretationsklasse
des großen Interpreten entnehmen. Sie begann mit dem bekannten
Prometheus-Gesang (nach Goethe), bei dem der Bariton Morton Lassen,
begeleitet von Karlhoj Kirsten, überzeugend zwischen heroischer
Kraft und Schlichtheit wechselte. Vorwiegend deklamatorisch
legte Libussa von Jena das von Mayrhofer übersetzte "Fragment
aus dem Aischylos" an. Was sie hier noch der Dramatik des Textes
schuldig blieb, glich sie in "Ganymed", am Klavier klangvoll
unterstützt von Markus Hadulla, durch lyrischen Ausdruck ihrer
silbrigen Sopranstimme aus.
In
der baritonalen Stimmfärbung des Lehrers ließ Christian Gerhaber in den
Mayrhofer-Vertonngen "Orest auf Tauris" und "Der
entsühnte Orest" mit wirklichen dramatischen Entwicklungen
aufhorchen. Der durchkomponierte zweite Gesang, der mit Wellenschlägen
des Klaviers (Gerold Huber) begann, gab Raum für kernige Kraft
und lyrisches Piano. Vielversprechendes Zeugnis von der hohen Liedkultur
an der Hochschule der Künste legte auch Friederike Meinel (Sopran)
ab, die in "Die Götter Griechenlands" und Iphigenia"
melancholisch wurde. Dem wandlungsfähigen Bariton Sebastian
Bluth war im "Lied des Orpheus" ein für Schubert
eher untypischer Aufklärungsoptimismus zugefallen. Jakob Johannes
Koch begann mit etwas maniertem Ausdruck, zeigte in "Freiwilliges
Versinken" aber auch Steigerungsmöglichkeiten.
Stella
Dufexis, längst keine Unbekannte mehr, war als Griechin mit ausdruckvoller
Schlichtheit ("Aus Heliopolis I") wie auch gezügelter
Erregung ("Gruppe aus dem Tartarus") in ihrem Element.
Bei Stefan Geyer, dem mit Memnon" (nach Mayrhofer) und "An
Schwager Kronos"(nach Goethe) zwei der berühmtesten Schubert-Gesänge
zum Thema zugefallen waren, mochte man zunächst noch zweifeln.
Ob seine hohe, fast zerbrechlich Baritonstimme für Gesänge
dieses Formats geeignet ist. Mit ganz eigenem Ton vermittelte er
aber schließlich melodische Klage wie drängende Lebenslust.
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Kritik
aus "Neue Luzerner Zeitung vom 27.01.1997
Mozart-Tage Luzern: Litanei und Vesper vereint
Krönender
Abschluss
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Mit dem Mozartensemble,
dem Orchester des Collegium Musicum und einem vorzüglichen
Solistenquartett setzte Alois Koch in der Jesuitenkirche einen denkwürdigen
Schlusspunkt unter die Mozart-Tage 1997.
Von Linus David
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Die
zweite Marienlitanei (KV 195) und die Vesperae solennes de confessore
(KV 339) von Mozart
sowie (in Ersatz des Mozartschen) das Magnificat in C-Dur von Schubert
fassten die Doppeltechnik dieses Jahres zusammen und machten überdies
das Spannungsfeld zwischen liturgisch-theologischer Korrektheit und
persönlicher Religiosität exemplarisch deutlich. Unglaublich
hart ließ Mozart die Extreme in den beiden Laudate-Psalmen der
Vesper unmittelbar aufeinanderfolgen: zuerst die fast trotzig demonstrierte
Fugengelehrtheit des "Laudate pueri", dann die echte Innigkeit
des "Laudate Dominum". Kirchenmusik pendelt immer - auch
heute - irgendwo zwischen Kopf und Herz, nur gibt es eben nicht alle
Tage einen Mozart.
In der Litanei
gelang es Koch, die Intimität des "Salus infirmorum"
(Bittgebet der Kranken, Sünder, Betrübten) und die konzertante
Repräsentanz der "Regina"/Königin-Anrufungen
(vorzüglich der Tenor Gerd Türk) scharf zu differenzieren.
Der traumhaften Largoversunkenheit des "Agnus Die" blieb
die Sopranistin Libussa von Jena ebenso wenig schuldig wie später
der unsentimentalen Zärtlichkeit des "Laudate Dominum".
Schade, dass sich in den Vokalkonzertsälen durchaus ebenbürtig
agierend, die Altistin Irène Friedli und der Bassist Peter
Brechbühler mit recht knappen und undankbaren Parts zufrieden
geben mussten.
Umschläge
und Brüche
Dass sich namentlich in der Litanei die dem Komponisten verordnete
Kürze zu knapp gefasster Essenz verdichtete, da |
filigrane
vokal-instrumentale Geflecht in feiner Zeichnung transparent wurde,
war auch ein Verdienst des Chors und des Orchesters. Das Mozartensemble
Luzern (um die dreißig handverlesene Leute) demonstrierte schon
beim eröffnenden "Kyrie eleison", wie viel historische
Aufführungspraxis mit dem zum Sprechen gebrachten Detail zu tun
hat, wie wenig Lebendigkeit vom Tempo abhängt. Reaktionsschnell
musizierte auch das auf "historischen" Instrumenten spielende
Orchester des Collegium Musicum (Konzertmeister Heinz Rellstab), das
mit Mitgliedern des Collegium 90 London gemischt war. Im Verband wurde
eine Weichheit erreicht, die gewiss nicht nur dem tieferen Stimmton
zu verdanken war. Nachhaltig blieb der atemberaubende Eindruck der
Umschläge in äußerste Verhaltenheit, der textadäquaten
Brüche und Gefährdungen.
Harmlose
Kirchenmusik?
Helle, harmlose Welt der Kirchenmusik? Am ehesten war davon
etwas zu spüren im Magnificat des noch nicht zwanzigjährigen
Schubert Tradition, gute und mit leichter Hand beherrschte allerdings,
hatte ziemlich unangefochten das Wort. Schubert hat dafür gesorgt,
dass Tradition als Schimpfwort hier nichts taugt, Esther Baumberger
dafür, dass das fabelhaft geblasenen Oboensolo im Ohr hängenblieb.
Dominik Rickenbacher sang mit einigen Herren der Schola Romana
Lucernensis
die gregorianischen Initia, die Oratio und das Versiculum zu Litanei
und Vesper in der Sakristei.
Die sehr phantasievolle "Durchführung" des gewählten
Themas der diesjährigen Mozart-Tage hat Wege für die Zukunft
aufgezeigt, zweifellos aber auch die Messlatte hoch angesetzt. Es
scheint nicht zwingend, Mozart-Tage ohne Mozart zu versuchen oder
gar fallenzulassen. Daran aber, ob der Bezug zu Mozart weiterhin
zwingend ist, wird künftig wohl jede Neuausgabe gemessen werden
müssen.
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